Arbeitsfähigkeit erhalten – ein Gedankenexperiment

Bauen Sie sich ein Haus, ...

... ihr eigenes „Haus der Arbeitsfähigkeit“. Dafür suchen Sie sich bitte einen ruhigen Platz, ohne Telefon, mit einem bequemen Sessel oder Stuhl. Bitte schalten Sie auch ihr Mobiltelefon ab, nichts soll Sie jetzt bei Ihrem Hausbau stören. Atmen Sie ruhig und gleichmäßig in den Bauch, konzentrieren Sie sich bitte auf sich selbst, und dann betrachten Sie das Bild am Ende dieses Textes.
Arbeitsfähigkeit erhalten – ein Gedankenexperiment

Foto: Photographee.eu/fotolia.de

Arbeitsfähigkeit ...

... ganz oben unter dem Dach: Das ist Ihre Balance zwischen dem, was jeden Tag von ihnen verlangt wird, und Ihrem persönlichen Potenzial, Ihren physischen, psychischen und sozialen Fähigkeiten, um ihre Arbeitsaufgaben erfolgreich und zufriedenstellend zu erfüllen. Vom Dach aus haben Sie einen wunderbaren Überblick, aus dem Fenster in die Umgebung, in das persönliche oder regionale Umfeld, zu Ihrer Familie oder Ihrem Verein, Hobbys, Freizeit. Aber machen Sie sich doch auf den Weg von der Haustür aus über die Treppe nach oben durch die verschiedenen Stockwerke. Mal sehen, wo Sie stehen bleiben und Ihre Gedanken vertiefen.

Gesundheit und Leistungsfähigkeit

Im ersten Stock hat sich in letzter Zeit vielleicht manches verändert. Sind Beschwerden oder Krankheiten dazu gekommen? Wenn ja, wie kommen Sie damit zurecht? Zeitdruck und Lärm hinterlassen Spuren, kleine Pausen sind Gold wert, wenn Sie sie bekommen. Aber gehen Sie ruhig weiter in den zweiten Stock.

Kompetenz

Da haben Sie einiges zu bieten: eine solide Ausbildung, Berufserfahrung, Weiterbildung (Sehen Sie mal genauer hin, wie es damit steht!), täglicher Umgang mit Schüler*innen und Kolleg*innen. Manchmal läuft es wie geschmiert, manchmal kommen Sie völlig kaputt nach Hause und können nicht abschalten, der Kopf ist einfach voll, überfüllt. Wie macht man das mit dem Abschalten? Geht es den anderen im Kollegium auch so? Im dritten Stock, da liegt auch der Konferenzraum, könnten Sie dazu mal eine Runde eröffnen.

Werte, Einstellungen, Motivationen

Hier, in der Zusammenarbeit mit anderen, prallen manchmal all die Unterschiede aufeinander, die Sie einzeln mitbringen in Ihr Berufsleben, die aber kollektiv im vierten Stock von Ihnen abgefordert werden. Arbeit, Arbeitsumgebung und Führung. Im vierten Stock, wo die Schulleitung, der Schulrat und die Kultusministerkonferenz sitzen, wird die Belastung festgelegt, ihr tägliches Pensum, die Zahl Ihrer Unterrichtsstunden und das Ausmaß der täglichen zusätzlichen Leistungen. Manche KollegInnen schaffen das locker und verstehen nicht, wovon Sie reden. Andere nicken verständnisvoll, man unterstützt und hilft sich gegenseitig, vielleicht kehrt auch wieder Ruhe ein, wenn Sie sich daran erinnern. Dann können Sie weiter entspannt in den Bauch atmen, die Augen schließen und sich noch einmal auf ihre Balance konzentrieren: Strecken Sie die Arme zur Seite, spüren Sie auf der einen Seite die Belastungen, die auf der ausgestreckten Hand ruhen, auf der anderen Seite Ihre eigene Power, Ihre Lebensfreude, Ihr Wohlbefinden und die kleinen Erfolgserlebnisse, die Sie im Lot halten. Ich wünsche Ihnen eine möglichst stabile Balance.

Dr. Jürgen Tempel // In: nds 5-2015