Balance zwischen Kind und Karriere

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Nach wie vor müssen viele (junge) Eltern einen Spagat hinlegen. Für sie ist es ein Balanceakt, zwischen Berufstätigkeit und Familienunternehmen zu bestehen. Noch prekärer ist die Situation für alleinerziehende Mütter und Väter, für Eltern mit kranken Kindern und bei jenen, die schon heute wissen, dass ihnen Altersarmut droht, all das, weil die Gesetze zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch in den Kinderschuhen stecken.
Balance zwischen Kind und Karriere

Foto: AM29/istockphoto.de

Inzwischen gibt es einige prominente Vorstöße für eine verkürzte, staatlich bezuschusste Vollzeit. Bereits im Dezember 2012 schlug Andrea Nahles in ihrer damaligen Funktion als Generalsekretärin der SPD ein solches Arbeitszeitmodell vor: 30 Stunden für junge Eltern zwischen 25 und 40 Jahren. Im Februar 2013 schrieben Gewerkschafter*innen, Wissenschaftler*innen und linke Politiker*innen einen öffentlichen Brief mit der Forderung nach einer 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Zuletzt schlug Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig die 32-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich für berufstätige Eltern vor.

Familienfreundliche Arbeitszeitkultur
Die DGB-Bundesfrauenkonferenz forderte den Vorstand auf, „eine gesellschaftliche Debatte über das Volumen und die Gestaltung von Arbeitszeiten anzustoßen und voranzutreiben“. Im Rahmen des Projektes „Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten“ befasst sich der DGB seit 2013 mit dem thematischen Schwerpunkt „Lebensphasenorientierte Arbeitszeiten fördern!“ und im Einzelnen mit: 

  • passenden Arbeitszeiten in der Familien-(gründungs)phase
  • Optionszeiten im Lebensverlauf sowie Gestaltung von Aus- und Wiedereinstiegen
  • leichter Vollzeit als Möglichkeit lebensphasenorientierter Arbeitszeitgestaltung

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) stellt in ihrer Broschüre „Warum ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so wichtig?“ Firmen vor, die eine familienfreundliche Arbeitszeitkultur umsetzen und formuliert das Ziel, „Frauen verstärkt in vollzeitnahe Beschäftigung zu integrieren und längere Erwerbsunterbrechungen zu vermeiden“. Das würde nicht nur im Kampf gegen den Fachkräftemangel helfen, sondern zugleich dazu beitragen, dass Frauen bei der Karriere und den Verdienstmöglichkeiten mit Männern gleichziehen. Auch die IG Metall hat das Thema aufgegriffen. Zusammen sind die Aktionen der unterschiedlichen Absender vielversprechend. Und wie behandelt die GEW das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Die Bildungsgewerkschaft formuliert nachdrücklich ihre Forderungen für die betroffenen Beschäftigten.

Zwangsteilzeit ist keine Lösung
Besonders schwierig gestaltet sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf an den Universitäten und Fachhochschulen sowie in der Weiterbildung, da eine planbare Arbeits- beziehungsweise Karrierephase häufig fehlt. An den Hochschulen wird dringend nicht nur deshalb ein Ende der derzeitigen Befristungspraxis und der Zwangsteilzeitmodelle gebraucht. In der Weiter- und Erwachsenenbildung arbeiten viele Beschäftigte als Honorarkräfte – für sie ist die Familiengründung oft existenzbedrohend, da anders als bei unbefristet Beschäftigten eine Weiterbeschäftigung nach dem Mutterschutz oder der Elternzeit keine Selbstverständlichkeit ist. Nur mit der Abkehr von Honorarverträgen in diesem Bereich hin zu unbefristeter Beschäftigung kann eine planbare Berufsausübung und Familienphase möglich werden! Arbeitszeiten sind im Bildungsbereich häufig ein weiteres Hindernis im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: So gestaltet sich für Eltern die Arbeit im Schichtbetrieb einer Kita als schwer machbar. Weiter- und Erwachsenenbildung findet verteilt über den gesamten Tag statt, bevorzugt auch an Abenden. In Hochschulen sind Termine häufig in den späten Nachmittagsstunden angesetzt und die vorlesungsfreie Zeit ist kaum mit den Schulferien koordiniert. Hier fehlen Modelle für verlässliche Arbeitszeiten, die den Beschäftigten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Auch innerhalb des Familienlebens ist die zeitliche Organisation wichtig: Wer fährt zur Kita? Wer erledigt die Einkäufe?

Verlässliche Rahmenbedingungen
Auch in Schulen gibt es noch hohen Veränderungsbedarf, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Dazu zählt vor allen Dingen eine Verbesserung der Teilzeitbedingungen, unter anderem in Leitungsfunktionen und im Vorbereitungsdienst. Teilzeitarbeit muss hier möglich sein, echte Teilzeit auch für Kernaufgaben. Mütter und Väter müssen gleichermaßen die Möglichkeit zur Fortbildung während der Elternzeit bekommen.
Grundsätzlich bleibt die Forderung nach mehr bezahlten Tagen für kranke Kinder. Schweden und Polen machen es vor: Dort sind es 60 Tage pro Jahr. Auch eine flächendeckende und qualitative Kinderbetreuung würde die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Und nicht zuletzt die bessere Unterstützung von alleinerziehenden Müttern und Vätern. Eine Ausweitung des im Teilzeit- und Befristungsgesetz verankerten Rechtsanspruchs auf Teilzeit sowie ein Rechtsanspruch auf befristete Teilzeit und auf die Rückkehr daraus müssen gesetzlich verankert werden. Zudem muss gesichert werden, dass alle Arbeitnehmer*innen mit Kindern für die eigene Alterssicherung sorgen können.
Frauen, die im Schnitt immer noch deutlich weniger verdienen als Männer und in einer hohen Anzahl teilzeitbeschäftigt sind, brauchen mehr Unterstützung im Sinne von verlässlichen Rahmenbedingungen für Berufstätigkeit und Familie. Gesetze müssen die Voraussetzung schaffen, damit junge Eltern den Balanceakt zwischen Karriere und Kind meistern können – ohne dabei zu fallen!
 
Maike Finnern // In: nds 3-2014