Der schulscharfe Sozialindex muss kommen

Neue Regeln für Sonderpädagog*innen

Spätestens jetzt hat die Änderung der Ausbildungsordnung Sonderpädagogische Förderung (AO-SF) die Schulen erreicht. Nicht jede Schule und nicht alle Kolleg*innen erfahren Unterstützung auf gleichem Niveau bei der Umsetzung der neuen Regelungen. Die nds sprach darüber mit Sonderpädagogin und Schulamtsdirektorin a. D. Gisela Lücke-Deckert.
Der schulscharfe Sozialindex muss kommen

Foto: littlehenrabi/istock.de

GEW NRW: Was sind die zentralen Änderungen mit in Kraft treten der neuen AO-SF?

Gisela Lücke-Deckert: Die Änderungsverordnung der AO-SF hat weitreichende Folgen für die schulische Bildung gerade von Menschen mit Behinderungen. Wurden seit 1995 die schulischen Förderorte allgemeine Schule und Förderschule für Menschen mit Behinderungen schon gleichgestellt, so ist heute das Recht auf schulische Förderung in der allgemeinen Schule oberstes Gebot. Diesem Paradigmenwechsel in der Schulgesetzgebung musste die Rechtsverordnung AO-SF insbesondere zu den §§ 19 und 20 Schulgesetz folgen. Das deutlich gestärkte Elternrecht führt dazu, dass sie ein weitestgehend verbrieftes Recht auf einen Platz in der allgemeinen Schule haben. Nur wenn die Eltern für ihr Kind mit Behinderung einen Platz an der Förderschule wünschen, kann das Kind dort eingewiesen werden. Das Feststellungsverfahren für den Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung ist in weiten Teilen gleich geblieben. Allerdings entscheidet am Ende des Verfahrens die Schulaufsicht nur noch über den festgestellten Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung, über die Förderschwerpunkte und die ziel-differente Förderung. Über den Förderort wird in aller Regel mit den Eltern beraten. Nur in wenigen Ausnahmefällen – zum Beispiel bei Schüler*innen mit selbst- und fremdgefährdendem Verhalten – entscheidet die Schulaufsicht über den Förderort. Der klare Auftrag an Schulen, Schulträger und Schulaufsicht lautet, dafür Sorge zu tragen, dass die sächlichen und personellen Voraussetzungen für die inklusive Bildung geschaffen werden.

Wie findet sonderpädagogische Förderung in den Schulen des gemeinsamen Lernens statt, ohne Etikettierung oder ohne Feststellung des Unterstützungsbedarfs?

Dies betrifft im Wesentlichen Kinder mit Entwicklungsverzögerungen in den Bereichen Lernen, Sprache und Verhalten, die man nicht gleich zu Beginn ihrer schulischen Laufbahn etikettieren möchte. Allerdings ist es meines Erachtens zwingend notwendig, durch entsprechende Diagnoseverfahren für alle einzuschulenden Kinder vor oder direkt zu Beginn der Schulzeit diese Verzögerungen zu entdecken, um dann gezielt mit sonderpädagogischen Maßnahmen anfangen zu können. In diesem Bereich haben die Kompetenzzentren mit den Grundschulen im Rahmen des Handlungsfeldes Prävention gute Verfahren entwickelt und ausgesprochen positive Erfahrungen gemacht. Leider sind diese Erkenntnisse weder in das Gesetz noch in die AO-SF eingeflossen. Wie aber die Grundschule ohne festgelegte Diagnoseverfahren wissen soll, welche Kinder so früh wie möglich eine sonderpädagogische Unterstützung brauchen, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wie hat sich das neue Verfahren zur Verteilung der Sonderpädagog*innen auf die Regelschulen in der Praxis bewährt?

Zurzeit geht man davon aus, dass 4,2 Prozent aller Kinder Entwicklungsverzögerungen im Bereich Lernen, Sprache und Verhalten haben. Daher wurden – bezogen auf diesen Prozentsatz und verbunden mit weiteren Merkmalen der Regionen – die Lehrerstellen für sonderpädagogische Lehrkräfte budgetiert. Das ist im Prinzip gut und wünschenswert. Auf Landesebene kann man solch eine gerechte Verteilung anstreben. Wie aber soll vor Ort bei höchst unterschiedlichem Bedarf der einzelnen Schulen aufgrund unterschiedlicher Sozialstrukturen und regionaler Gegebenheiten die Verteilung der sonderpädagogischen Lehrkräfte erfolgen? Hier stütze ich ausdrücklich die von der GEW NRW geforderte Festlegung eines schulscharfen Sozialindexes! Es muss dringend nachgearbeitet werden, wenn wir den Kindern mit Unterstützungsbedarf gerecht werden wollen. Eine Verteilung der immer noch sehr raren sonderpädagogischen Lehrkräfte im Gießkannenprinzip ist keine Lösung.

Die Verwaltungsvorschriften zur neuen AO-SF stehen noch aus. Was fehlt hier noch und wann werden sie an den Schulen benötigt?

 Verwaltungsvorschriften regeln im Detail die Vorgehensweisen und Verwaltungsverfahren. Da die neue AO-SF nur eine Änderungsverordnung ist, können meines Erachtens die bereits vorhandenen Verwaltungsvorschriften in den Bereichen des Feststellungsverfahrens, das auch zukünftig in bekannter Weise erfolgt, leicht angepasst werden. Schwieriger ist zum Beispiel die genaue Klärung für Schüler*innen mit Förderschwerpunkt Lernen, die eine zehnjährige Schulpflicht haben und ein Gymnasium mit gemeinsamem Lernen besuchen, dessen Sekundarstufe I bereits nach neun Jahren endet. Was passiert dann mit diesen Jugendlichen? Die bereits erschienenen Verwaltungsvorschriften zur Schule für Kranke regeln beispielsweise, für welchen Zeitraum Schüler*innen an der Schule für Kranke gezählt werden dürfen. Das hat Auswirkungen auf die wichtige Lehrerstellenberechnung. Hier wird deutlich: Der Teufel steckt im Detail. Solche klärenden Vorschriften sind daher unverzichtbar.

Die Fragen für die nds stellte Dr. Ilse Führer-Lehner // In: nds 4-2015