Inklusion in der beruflichen Bildung

Fachtagung „Was gibt‘s Neues am Berufskolleg?“

Unter welchen Bedingungen kann Inklusion in der beruflichen Bildung gelingen? Was muss man tun, um diese Bedingungen zu schaffen? Inklusion und die Reform der Ausbildungs- und Prüfungsordnung Berufskolleg (APO BK) waren Gegenstand einer gemeinsamen Fachtagung von DGB und GEW, die am 12. Juni 2014 in Düsseldorf stattfand.
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Unter anderem stand der DGB-Landesvorsitzende Andreas Meyer-Lauber vor den rund 80 Teilnehmer*innen auf dem Podium Foto:R.Elsing

„Klassisches Marktversagen“ diagnostiziert Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender des DGB NRW, in weiten Bereichen der Ausbildung. „Es ist ein sozialpolitischer Skandal, dass von den  Förderschulabgängern nur 10 Prozent in duale Ausbildung kommen.“ Trotz positiver Entwicklungen existieren weiterhin, darauf wies Prof. Ruth Enggruber von der FH Düsseldorf hin, „ungleiche Zugangschancen nach Migrationshintergrund, Geschlecht, sozialer und regionaler Herkunft“. Inklusive Berufsausbildung aber bedeute die Umsetzung einer Ausbildungsgarantie für alle ausbildungsinteressierten Jugendlichen ohne Prüfung ihrer „Ausbildungsreife“.

Individuelle Förderung ermöglichen

„Momentan kann das berufliche Ausbildungssystem seine integrative Kraft nicht entfalten“, beurteilt Prof. Hans-Hugo Kremer von der Universität Paderborn die Situation. Auf dem Weg zur inklusiven Berufsausbildung setzt er auf individuelle Förderung in der Ausbildungsvorbereitung. Persönlichkeitsorientierung, eine Orientierung an den Stärken der Jugendlichen und die Flexibilisierung der Entwicklungswege gehören ebenso dazu wie kontinuierliche Beziehungsarbeit in den Klassen, das Angebot alternativer Lernformen und die Arbeit multiprofessioneller Teams unter Einbeziehung von Sozialpädagogen. In der Umsetzung müssen Lernende und Lehrende einige Hürden nehmen: Abschlussorientierung in Klassen, in denen viele Jugendliche keine Chance auf einen Abschluss haben, der Anspruch auf den Anschluss beruflicher Ausbildung bei schwieriger Lage auf dem Ausbildungsmarkt oder die Verfolgung formaler Bildungsziele bei gleichzeitigem sozialpädagogischen Förderbedarf.

Der Fehler liegt im System

Das Inklusionskonzept der UNESCO schließt nach Ruth Enggruber die Kategorisierung von Menschen in jene mit und ohne „Behinderung“, „Ausbildungsreife“ oder „besonderem Förderbedarf“ aus. Wenn Jugendliche nicht in das System passen, liegt der Fehler nicht bei ihnen. In ihren Reformvorschlägen zu einer „inklusiven Berufsausbildung“ fordert auch Ruth Enggruber eine differenzierte organisatorische Gestaltung der Berufsausbildung mit Individualisierungsmöglichkeiten. Ausbildungsbetrieben sollten attraktive Anreize  geboten werden. Bei Ausbildungsabbruch möchte sie erreichte Qualifikationen anrechenbar zertifizieren. Ausbildungsqualität soll durch ein kommunales Übergangsmanagement sowie regelmäßige Fortbildungen und Teamentwicklung der beteiligten pädagogischen Fachkräfte gesichert werden. Eine veränderte Vergabepraxis der Bundesagentur für Arbeit hin zu mindestens fünfjährigen Laufzeiten soll die Qualität der Berufsbildungsmaßnahmen sichern.

Inklusion und individuelle Förderung haben ihren Preis. Deutschland liegt bei den Bildungsausgaben im unteren OECD-Bereich. Folgt man Norbert Wichmann vom DGB NRW, „ist genug Geld im System, es wird nur falsch ausgegeben.“ Hier sei eine Umsteuerung der Mittel notwendig. „Inklusion beginnt im Kopf“, betont Ruth Enggruber. „Aber sie benötigt auch Ressourcen.“ Inklusive Berufsausbildung ist nicht allein Aufgabe der Schulen. „Die Akteure in Wirtschaft und Unternehmen müssen ihren Teil der Verantwortung übernehmen“, fordert Sigrid Beer, Fraktionsmitglied von Bündnis 90/DIE GRÜNEN im Landtag und schulpolitische Sprecherin. Wenn der Markt diesen Bereich nicht regelt, ist die Politik gefragt.

APO BK: Beteiligung statt Wundertüte

Das 10. Schulrechtsänderungsgesetz berücksichtigt die Inklusion in der beruflichen Bildung nicht. Abzuwarten ist, welche Regelungen die APO BK bringen wird. Die GEW erwarte, so Dietrich Mau von der Fachgruppe Berufskolleg der GEW NRW, neben der Präzisierung der im Gesetz benannten Fachbereiche und beruflichen Bereiche, verbindliche Regelungen, die den Erwerb des Hauptschulabschlusses möglich machen, sowie die Gewährleistung der Anschlussfähigkeit in Ausbildung.

Die APO BK soll zum Schuljahr 2015/2016 an den Start gehen. Bis jetzt kennen die Schulen den genauen Inhalt nicht. Aus der Zuhörerschaft kam der Hinweis: „Qualität geht vor Zeit. Die Politik sollte nicht zu schnell agieren, sondern auf der Basis eines fundierten Gutachtens einen Entwurf aus einem Guss unter Berücksichtigung der Inklusion erstellen.“ Der Beteiligungsprozess sei ihr ernst, betonte Sigrid Beer. Wenn es als Anforderung aus den Schulen käme, würde eine Veränderung der Zeitschiene bei den Überlegungen berücksichtigt.      

Sabine Flögel // In: nds 6/7-2014