Inklusion in der Kita

Chancengleichheit im Elementarbereich

Die Umsetzung der geforderten UN-Behindertenrechtskonvention aus 2009 in Bezug auf die Kita stellt besondere Herausforderungen auf allen Ebenen dar. Von großer Bedeutung für die frühkindliche Erziehung sind zahlreiche Faktoren auf unterschiedlichen Ebenen, politische und gesetzliche Rahmenbedingungen, die die Grundlage einer lebbaren inklusiven Pädagogik bilden.
Inklusion in der Kita

Foto: fischde/photocase.de

60 Kitas aus Sachsen-Anhalt, Hessen und Thüringen nahmen 2013 an der Studie „Auf dem Weg zur Inklusion in Kindertageseinrichtungen“ teil. Darin gaben rund 60 Prozent der Eltern an, dass sie die Integration der Kinder in ihrer Einrichtung als sehr gut bis gut empfinden. Etwa zehn Prozent hingegen empfinden die diese weniger gut. Weitere drei Prozent der Befragten sind mit der Integration nicht zufrieden. Die Eltern sind zu 74 Prozent der Ansicht, dass genügend Personal in ihrer Einrichtung vorhanden ist. Lediglich 18,4 Prozent sind der Meinung, dass zu wenige Fachkräfte in den Kitas arbeiten. Ein weiterer Schwerpunkt der Studie war die Sicht der Fachkräfte: Rund 60 Prozent der Einrichtungen haben Integration bereits in ihrem Konzept implementiert. Während 47 Prozent der befragten Mitarbeiter*innen das zur Verfügung stehende Personal als ausreichend empfinden, beurteilen 41 Prozent die Personalausstattung als unzureichend. Die Fachkräfte aus Thüringen waren am zufriedensten mit der Personalausstattung, wogegen Sachsen-Anhalt einen deutlichen Mangel an Personal aufzeigte. Die Integration von Kindern mit besonderem Förderbedarf wird von den Fachkräften als gut eingestuft. Der Großteil der Fachkräfte schreibt der Integration eine große Bedeutsamkeit für die Entwicklung der Kinder zu. Allerdings wurden in der Studie Bedenken bezüglich mangelhafter Rahmenbedingungen deutlich.

Rahmenbedingungen schaffen
Die Träger und Leitungen einer Einrichtung haben die Aufgabe, konkrete Rahmenbedingungen für Inklusion in der Kita zu schaffen. Die Träger sind unter anderem für die Finanzierung, die räumliche Ausstattung, Fort- und Weiterbildungen von Mitarbeiter*innen sowie für die Gruppengrößen und den Personalbedarf verantwortlich. Darüber hinaus gilt es den Inklusionsgedanken und dessen Umsetzung in das bestehende Konzept der Einrichtung zu implementieren. Die Bereitstellung der Arbeitsräume und der Materialien, ebenso die Personalausstattung stehen in der Verantwortung der Träger und Leitungen. All diese Faktoren bestimmen die Qualität einer gemeinsamen Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung.

Sensibilisieren für Inklusion
Eine positive Kommunikation zwischen Träger und Leitung sowie zwischen Mitarbeiter*innen und Leitung ist wesentlich für die Umsetzung des Inklusionsgedankens. Die Leitung hat dabei die Aufgabe, die Mitarbeiter*innen und Eltern für Inklusion zu sensibilisieren und zu begeistern. Zwischen den Kindern, den Familien und den pädagogischen Fachkräften findet alltägliche Interaktion statt, die die inklusive Pädagogik lebbar macht. So stellt auch Wolfgang Tietze, Professor für Kleinkindpädagogik, fest: „Die Fachkräfte übernehmen die Aufgabe der interdisziplinären Entwicklungsförderung der Kinder mit besonderem Förderbedarf und der allgemeinen pädagogischen Förderung aller Kinder einer Gruppe.“ Der Unterschied zwischen Schule und Elementarbereich besteht darin, dass die verschiedenen Ebenen mit anderen Akteur*innen besetzt und mit anderen Rahmenbedingungen ausgestattet sind. Überschneidungen gibt es, doch die Bildungsaufträge sind unterschiedlich: Die Kita übermittelt grundlegende Kompetenzen, ohne die Kinder durch Zensuren zu bewerten. Die Schule hingegen bewertet jedes Kind nach einem gesetzten Standard. Dieser Standard sollte jedoch so individualisiert werden, dass Inklusion und Individualität in der Bildung Einzug erhalten können.

Inklusion als Leitungsaufgabe
Inklusion im Elementarbereich war auch auf den drei Kitaleitungskongressen in Dortmund, Hannover und Augsburg 2014 zentrales Thema. Das Praxisforum „Inklusion als Leitungsaufgabe in der Kita integrative und inklusive Pädagogik in Deutschland“ zog hunderte Teilnehmer*innen an. Die Ressourcen, die Inklusion in sich birgt, sind vielen Beteiligten bekannt, doch wie kann Inklusion im Elementarbereich initiiert werden? Die Antwort auf diese Frage war für die meisten nicht zufriedenstellend. Denn: Es gibt kein Patentrezept. So verschieden jede Kita ist, so verschieden ist auch die Umsetzung beziehungsweise Einführung von Inklusion. Zwar stellt der Index für Inklusion, entworfen von Tony Booth, eine gute Handreichung dar, doch die Arbeit damit ist anspruchsvoll. So bietet der Index eine Vielzahl von Indikatoren und zugehöriger Beispielfragen, mit deren Hilfe ein individueller Fragebogen beziehungsweise ein individuelles Konzept zum Ablauf der Umsetzung erstellt werden kann.

Frei von jeder Diskriminierung
Die Hemmnisse auf dem Weg zur Inklusion sind wie auch oft im Schulbereich die Rahmenbedingungen. Denn obwohl eine gemeinsame Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert ist, besteht noch kein genereller gesetzlicher Anspruch. Auch die Begrifflichkeit stellt eine Hürde dar. Eine Kita-Leiterin traf beim Kitaleitungskongress in Augsburg die richtigen Worte: Wann immer sie etwas beantrage, das mit Inklusion in ihrer Einrichtung zu tun hat, komme sie wieder auf die Integration zurück. Ihrer Ansicht nach gebe es Inklusion für den Gesetzgeber noch nicht. Eine erfolgreiche Einführung der Inklusion in das deutsche Bildungssystem hängt von vielen
unterschiedlichen Faktoren ab. Es ist von besonderer Bedeutung, Chancengleichheit bereits im Elementarbereich zu ermöglichen, um Kindern ein pluralistisches Weltbild, frei von jeder Diskriminierung, zu vermitteln. Für Kinder sind alle Menschen gleich, erst durch fehlende Interaktion zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und Menschen ohne Beeinträchtigungen entsteht ein Gefühl des „Andersseins“. Aus diesem Wissen heraus ist es von großer Bedeutung, dass Pädagog*innen versuchen die Barrieren, die verändert werden können, im Alltag für jeden Menschen individuell abzubauen.   

Sylvia Feußner und Arne Köster // In: nds 10-2014