Inklusion in Essen

Arbeiten auf Verschleiß?

Das Schulamt Essen meldet: Im Schuljahr 2014/2015 werden über 600 Schüler*innen in Grundschulen integrativ unterrichtet. Der Elternwille und der Einsatz der Kolleg*innen pro Gemeinsames Lernen (GL) ist eindeutig. Auch die Ruhrgebietsstadt hat sich für das GL einiges vorgenommen – nur zu welchem Preis?
Inklusion in Essen

Foto: suze/photocase.de

Während bis 2010 die Anzahl der GL-Schüler*innen auf dem niedrigen Niveau von rund 200 stagnierten, stiegen sie danach stetig: Im Schuljahr 2010/2011 waren es 284, ein Jahr später 414. Jetzt wird mit 600 gerechnet. Die Umsetzung in Essen erfolgte nach dem Motto: weniger Schwerpunktschulen, mehr Einzelintegration. Im kommenden Schuljahr werden 69 von 85 Grundschulen GL anbieten. Davon haben nur 17 Schulen mehr als zehn betroffene Schüler*innen in den Klassen. An etwa 25 Schulen werden es weniger als drei Schüler*innen sein.

Kein Rechtsanspruch auf Qualität
In diesem Schuljahr werden sich die ersten Auswirkungen des Stellenbudgets für die Förderschwerpunkte Lernen (LE), Sprache (SQ) und Emotionale und soziale Entwicklung (ES)zeigen. Mit dem 9. Schulrechtsänderungsgesetz gibt es jetzt zwar einen Rechtsanspruch auf einen Platz an einer Regelschule, doch der Anspruch auf Qualität und Umfang der sonderpädagogischen Förderung ist verloren gegangen: Die alte Schüler-Lehrer-Relation musste weichen.
Das nutzen Schulträger und Schulaufsicht auf ihre Weise. In Essen ist geplant, Schulen mit weniger als drei betroffenen Schüler*innen keine feste sonderpädagogische Ressource mehr zuzuweisen. Diese Schulen sollen von anderen Schulen beraten werden. Wie der Auftrag aussieht und welchen Umfang er haben soll, ist dabei noch völlig offen. Personalvertretungsrechtlich handelt es sich um eine Abordnung, für die Art der Tätigkeit und Umfang klar definiert werden müssen.

Zum Schutz der Beschäftigten
40 von 70 ausgebildeten Sonderpädagog*innen werden alle Abordnungen übernehmen müssen. Die größeren GL-Schulen bekommen als Ausgleich Vertretungskräfte – meist ohne sonderpädagogische Ausbildung. Gemeinsam mit den derzeit 20 Lehrer*innen, die eine berufsbegleitende Ausbildung zum Erwerb des Lehramts für sonderpädagogische Förderung absolvieren, werden sie die sonderpädagogische Arbeit dort maßgeblich tragen müssen.
Die Kolleg*innen können immer seltener ihren eigenen Ansprüchen und den an sie gestellten Erwartungen gerecht werden. Grundschulen, die sich auf den Weg zur inklusiven Schule gemacht haben, erwarten viel mehr Unterstützung und Anleitung. Langjährige GL-Schwerpunktschulen sehen die ständige Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Vertretungsunterricht und Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs führen zusätzlich zu Ausfällen vor Ort. Viele Kolleg*innen sind bereits gesundheitlich angeschlagen, weil sie versuchen, durch besonderes Engagement die schlechten Rahmenbedingungen auszugleichen.
Es fehlen nicht nur Stellen. Auch gute Arbeitsbedingungen mit Arbeitsplatzbeschreibungen zum Schutz der Beschäftigten in der Inklusion müssen eingefordert werden. Damit Inklusion nicht bedeutet: Arbeiten auf Verschleiß!

Elisabeth Keim // In: nds 8-2014