Lernen unter erschwerten Bedingungen

Grundbildung als allgemeine gesellschaftliche Aufgabe

1,2 Millionen funktionale Analphabet*innen und etwa 5.000 Plätze in den Weiterbildungseinrichtungen in NRW sprechen eine deutliche Sprache: Wir müssen etwas tun.
Lernen unter erschwerten Bedingungen

Foto:Helovi/istockphoto.de

Wir müssen es uns ganz deutlich machen: Mehr Erwachsene als  Schüler*innen an Grundschulen und Gymnasien in NRW zusammen verfügen über keine ausreichende Fähigkeiten im Lesen, Schreiben oder Rechnen. Dem gegenüber stehen nur 5.000 Weiterbildungsplätze, die über ganz NRW verteilt sind und sich gleichermaßen an Arbeitssuchende und Erwerbstätige mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen richten. Ohne neue Kursangebote, aufsuchende Bildungsarbeit und eine qualifizierte Beratung ist eine deutliche Steigerung der Teilnahme an Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten nicht realistisch.

Faire Beschäftigung ermöglichenWir haben bereits motivierte und kompetente Beschäftigte in Volkshochschulen und anderen gemeinwohlorientierten Weiterbildungseinrichtungen. Wir brauchen jedoch nicht nur engagierte Lehrkräfte, sondern auch tariflich beschäftigte! Sie müssen eine flächendeckende Selbstverständlichkeit sein. Dann haben auch Masterstudiengänge für Grundbildung und gute Fortbildungsinitiativen eine Perspektive. Denn wie viele bekommen nach ihrem Master in einem prekären Arbeitsverhältnis durchschnittlich 20,- Euro Arbeitgeberbrutto und damit nicht einmal den Mindestlohn in der Weiterbildung? Wer kann es sich unter diesen Bedingungen zeitlich und finanziell leisten, eine mehrtägige Fortbildung zu besuchen?

Bundesfinanzierte DaueraufgabeErfolgreiche Grundbildung braucht verlässliche und das heißt: langfristige Strukturen. Zeitlich befristete Projektarbeit kann nicht die Lösung für ein Dauerproblem sein. Grundbildung muss stattdessen endlich als Daueraufgabe anerkannt werden! Die gemeinwohlorientierte Weiterbildung trägt eine ganz besondere Verantwortung, die ihre Träger nicht alleine schultern können. Hierfür ist eine deutliche Finanzierung durch den Bund, in die alle Ministerien einbezogen werden müssen, nötig und geboten. Dazu muss das Kooperationsverbot aufgehoben werden.

Die GEW bestimmt mitDie Einsicht, dass etwas getan werden muss, ist gegeben: Mit der Nationalen Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung wird das Thema durch einen breiten gesellschaftlichen Konsens getragen und viel Geld investiert, um Öffentlichkeit herzustellen. Der 2014 in NRW von Bildungsministerin Sylvia Löhrmann ins Leben gerufene Landesbeirat für Weiterbildung hat die Themen Alphabetisierung und Grundbildung sowie die Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung ganz oben auf seine Agenda gesetzt.

Die GEW unterstützt und beteiligt sich an Netzwerken und Initiativen auf Bundes- und Landesebene. Die Bildungsgewerkschaft ist Mitglied im Netzwerk für Alphabetisierung und Grundbildung und Dorothea Schäfer vertritt uns als Vorsitzende der GEW NRW im Landesbeirat. Nun müssen wir gemeinsam dafür sorgen, dass sich auch die Strukturen ändern!

Helle Timmermann // In: nds 8-2014