Reformen müssen erstritten werden

Bildungswissenschaftler Dr. Edgar Weiß im Interview

Syrien, Ukraine, Gaza – in einer Zeit, in der internationale Kriege und Konflikte die Nachrichtenlage bestimmen, liegt die Frage nah: Wie können wir die Welt, in der wir leben, verändern? Und: Kann man Frieden lernen? Dr. Edgar Weiß, Erziehungswissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, über die Wiederbelebung einer kritischen Friedenspädagogik.
Reformen müssen erstritten werden

foto: LoloStock/fotolia.de

Herr Weiß, Sie plädieren für eine Reanimation der kritischen Friedenspädagogik. Warum sehen Sie gerade jetzt Bedarf?Edgar Weiß: Sie spielen auf einen 2011 entstandenen Text an, in dessen Titel ich das Substantiv „Reanimationsbedarf“ verwendet habe. Gleichwohl sehe ich nicht erst neuerdings einen Reanimationsbedarf kritischer Friedenspädagogik, die seit Jahrzehnten ein Schattendasein führt. Vielmehr habe ich diesen Bedarf in einer Reihe von Arbeiten seit den 1980er Jahren zur Geltung zu bringen versucht. Es gibt aus meiner Sicht also weniger wirklich neue als vielmehr anhaltende Gründe zur Beunruhigung bei gleichwohl sich verändernden politisch-sozialen Gegebenheiten und neuen zur Kritik herausfordernden Brennpunkten. Diese haben sich seit dem Wegfall des Kalten Krieges zwischen Ost und West gewiss verschoben. Diverse bislang begrenzte Kriege, hegemonialer Neoliberalismus, weltweit wachsende Diskrepanzen zwischen Arm und Reich sowie Globalisierungsprozesse, die mit dem Aufbrechen kultureller Konflikte, Terroranschlägen sowie geostrategisch und ökonomisch motivierten Out-of-area-Einsätzen verbunden sind diese Aspekte etwa kennzeichnen seither eine Weltsituation, die die aktuelle Bedeutung kritisch-friedenspädagogischer Bemühungen deutlich werden lässt. Auch hierzulande scheint die Einsicht, dass Krieg keine Ultima Ratio, sondern die Inszenierung ultimativer Irrationalität darstellt, rückläufig zu sein. Politische Forderungen nach einer deutschen Beteiligung an Militäreinsätzen werden, seit im ehemaligen Jugoslawien einmal ein Anfang gemacht wurde, weithin protestlos hingenommen. Zudem zeigen sich die Folgen eines genuin unfriedlichen, ungebremsten Kapitalismus neoliberaler Prägung auch innergesellschaftlich in allen Bereichen. Der aktuelle Bedarf an kritischer Friedenspädagogik, die Konfliktursachen systematisch reflektiert,  wird somit allenthalben greifbar.

An vielen Schulen gibt es Streitschlichterprogramme und Ähnliches. Viele von diesen Konzepten wurden ursprünglich von Vertreter*innen der Friedenspädagogik entwickelt. Was unterscheidet sie von einer kritischen Friedenspädagogik?Streitschlichtungsprogramme, die Berufung von „Konfliktlotsen“ und ähnliche Mediationsmaßnahmen zielen auf Deeskalation und Konfliktmanagement. Damit bleiben sie zumeist nicht nur hinter den Zielen kritischer Friedenspädagogik zurück, sondern können diesen mitunter geradezu entgegenwirken. Das ist der Fall, wenn Streitvermeidung unter Verzicht auf umfassende Analyse und Bearbeitung von Konfliktursachen als Selbstzweck betrachtet wird. Kritischer Friedenspädagogik kann es nicht um das Latenthalten von Konflikten gehen, sie will vielmehr an deren Wurzeln. Sie steht nicht für Streitvermeidung an sich, sondern muss im Gegenteil gerade streitbar sein, solange friedensbedrohende Verhältnisse nicht wirklich überwunden sind, wobei sie sich freilich auf gewaltfreie, kommunikative Konfliktbearbeitung und Streitkultur verpflichtet. Sicher bejaht auch sie Schlichtungen, wo Deeskalation unmittelbar zur Verhinderung gewaltsamer Auseinandersetzungen erforderlich ist. Sie begnügt sich aber nicht damit, sondern strebt die Fortsetzung der Problembearbeitung im Rahmen zivilisierter Formen an, um auf wirkliche Problemlösung jenseits bloßen Konfliktmanagements hinzuarbeiten.

Wenn es um gesellschaftliche Veränderung geht, werden oft Desinteresse und Egoismus beklagt. Aber hat nicht vielmehr die vermehrt vorherrschende Erziehung zu Konkurrenz dazu geführt, dass viele Menschen Angst davor haben, auf den eigenen Humanismus zu setzen?Der inzwischen längst im globalen Maßstab hegemoniale Neoliberalismus ist wesensgemäß unfriedlich, ihm wohnen sozialdarwinistische Prinzipien, ungehemmte Konkurrenz und der Appell an Egoismus seinem Wesen nach inne. In der Tat scheint seine Saat prima facie insofern aufzugehen, als sich viele Menschen gerade angesichts der Erfahrung expandierender sozialer Diskrepanzen und Prekarität an seine Vorgaben anpassen. Nichtsdestoweniger bin ich überzeugt, dass die Erfolgsaussicht solcher Anpassung letztlich trügerisch ist. Unterschätzt werden dürften dabei die persönlichen Deformationen, die ihr Preis sind. Ignoriert wird der Umstand, dass durch solche Anpassungsleistungen zunehmend Zustände gefestigt werden, die durch soziale Kälte und strukturelle Gewalt, also durch Erscheinungsformen von Friedlosigkeit geprägt sind. Ihnen im Zeichen „altruistischer“ Haltungen und menschlicher Solidarität entgegenzuwirken, stünde letztlich auch im Dienste eines wohlverstandenen Eigeninteresses. In diesem Sinne dürfte die umstandslose Gegenüberstellung von Egoismus und Altruismus wenig tragfähig sein.

Wie verändert eine kritische Friedenspädagogik das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden?Die Ziele kritischer Friedenspädagogik müssen in deren Aktivitäten selbst zur Geltung gebracht werden. Soweit also kritische Friedenspädagogik nicht nur phrasenhaft beansprucht, sondern konsequent zur Handlungsmaxime wird, wird die Rollendifferenz zwischen Lehrenden und Lernenden in bestimmter Hinsicht gewiss abgebaut. Kritische Friedenspädagogik thematisiert ernsthaft betrieben immer auch die in die Bildungsinstitutionen eingelassene strukturelle Gewalt, schließt immer auch die kritische Selbstreflexion der Prozessbeteiligten ein. Deshalb wären Lehr-Lern-Verhältnisse bei allem für pädagogische Prozesse konstitutiv bleibenden und gewöhnlich erst nach und nach abzuarbeitenden Kompetenzgefälle zugunsten gemeinsamer Lernprozesse zu demokratisieren und zu entschulen. Ritualisierte Unterrichtsformen, die Verordnung von Stoffpensen, unhinterfragte Überlegenheitsattitüden sind aus meiner Sicht mit kritischer Friedenspädagogik inkompatibel. In deren Zentrum stehen stattdessen Achtung vor anderen, wechselseitige Sensibilisierung, gemeinsame Reflexionsprozesse zur Überwindung kriegerischer, personaler und struktureller Gewalt, die kreative Suche nach Verständigung und Problemlösungsansätzen.

Was sind die strukturellen Voraussetzungen für eine kritische Friedenspädagogik? Brauchen wir eine Bildungsreform?Ich möchte nicht behaupten, dass die aktuellen Gegebenheiten unserer Bildungsinstitutionen die Friedenspädagogik zur Ohnmacht verdammen. Gewiss können in ihrem Sinne vorhandene Nischen kreativ genutzt werden. Begünstigend aber ist die aktuelle Situation freilich nicht. Eine auf den Neoliberalismus zugeschnittene, unternehmerische Hochschule mit modularisierten und verschulten Studiengängen, die ständige Jagd nach Credit Points erfordern und zusammenhängende und vertiefende Lernprozesse erheblich erschweren, eine Hochschule mit wachsender interner Konkurrenz, zunehmend prekären Beschäftigungsverhältnissen und Drittmitteldiktaten, mit offenen Eingangstoren für rüstungsindustrielle Projekte und werbenden Bundeswehraktivitäten bietet gewiss keine komfortablen strukturellen Voraussetzungen für die Etablierung kritischer Friedenspädagogik. Grundlegende Bildungsreformen und eine tiefgreifende Korrektur der vorherrschenden Reduktion von Bildung auf eine marktgängige Ware sind zweifellos desiderabel. Sie sind aber kaum als Geschenk zu erwarten, sondern müssen politisch erstritten werden.

Technokratismus und Perspektivlosigkeit sind die Grundlage dafür, dass jede und jeder Einzelne unkritisch bleibt. Teilen Sie diese These und worin sehen Sie die aktuelle Herausforderung für Friedensbewegte?Nicht alle bleiben unkritisch, im Übrigen teile ich die These. Es kommt also darauf an, Perspektiven zu entwickeln, sich dem Technokratismus kollektiv zu widersetzen, Formen solidarischer Widerständigkeit einzuüben. Nach meinen Erfahrungen gibt es im Hochschulbereich bei vielen Lehrenden wie Studierenden durchaus ein massives Unbehagen bezüglich der derzeitigen strukturellen Hochschulsituation. Auch an publizierten Protesten gegen die unternehmerische Hochschule und den mit den neoliberalen Reformen verbundenen Verfall der Bildung besteht keineswegs Mangel. Es ist nach Wegen zu suchen, wie sich dieses Unbehagen effizient politisieren, wie sich Formen des Protestes vernetzen und breitenwirksam artikulieren ließen. Die mit einer grundsätzlichen Kritik neoliberaler Bildungspolitik verbundene Zivilklauselbewegung ist ein wichtiger Vorstoß, an dessen Ausbau gearbeitet werden sollte. Sie folgt, indem sie sich gegen die Akzeptanz von Krieg und strukturelle Gewalt gleichermaßen richtet, implizit einem kritischen Friedensverständnis.

Die Fragen stellte Stefan Brackertz. // In: nds 11/12-2014