Schule in Frauenhand?

Im Gespräch mit Bildungswissenschaftlerin Dr. Kristin Behnke

Von einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis kann in nordrhein-westfälischen Lehrerzimmern kaum die Rede sein. Besonders die Grundschule ist fest in Frauenhand: Hier waren im Schuljahr 2014/2015 knapp über 90 Prozent des Kollegiums weiblich. Während die freie Wirtschaft noch über Frauenquoten diskutiert, hat Schule es also geschafft? Und auf der Strecke bleiben die Jungen, denen männliche Vorbilder fehlen? Bildungswissenschaftlerin Dr. Kristin Behnke über diese und andere Irrtümer.
Schule in Frauenhand?

Dr. Kristin Behnke Geistwissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Bildungswissenschaften der UniversitätDuisburg-Essen .Foto: privat

Schule in Frauenhand?

Foto: PeopleImages/istock.de

Rund 70 Prozent aller Lehrkräfte in NRW sind Frauen. Regelmäßig schlussfolgern die Medien: Es ist genau diese Feminisierung in Schule, die Jungen zu vermeintlichen Bildungsverlierern macht. Was ist dran an dieser These?
Kristin Behnke: Die These ist, ausgehend von der aktuellen Forschungslage, nicht haltbar. Nichtsdestotrotz wird diese Behauptung leider immer wieder von den Medien aufgegriffen. Ein Resultat: Die sogenannte Feminisierungsthese sitzt mittlerweile in vielen Köpfen fest und wird immer weiter unkritisch übernommen, auch von Lehrkräften. Die Debatte schadet leider allen Beteiligten: Den Lehrer*innen wie auch den Mädchen und Jungen, letztlich der gesamten Institution Schule, da eine Konzentration auf nur einen Aspekt eines Gesamtkomplexes erfolgt, dessen Bearbeitung nur bedingt dazu beitragen kann, Schule zu einem positiveren und produktiveren Ort des Lernens und Lebens für Kinder und Jugendliche zu machen.

Wir wissen heute, dass die relativen Bildungserfolge der Mädchen von Vertreter*innen der Feminisierungsthese fälschlicherweise als Bildungsmisserfolg des männlichen Geschlechts interpretiert werden. Faktoren wie die Lesekompetenz oder die soziale Herkunft stellen in Deutschland jedoch einen deutlich relevanteren Faktor dar als das Geschlecht der Lehrperson.

Brauchen Kinder gleichgeschlechtliche Vorbilder – insbesondere in der Schule?
Die Tatsache, dass Jungen spätestens ab dem Beginn des Kitabesuchs kaum mehr männlichen Vorbildern begegnen, und der Versuch, ihren angeblichen Bildungsmisserfolg damit zu erklären, sind ebenfalls allgegenwärtig.

Aus einer entwicklungspsychologischen Sichtweise wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass Jungen und Mädchen im Zuge ihrer Identitätsentwicklung gleichgeschlechtliche Vorbilder benötigen. Und natürlich wäre es wünschenswert, wenn der Beruf der Lehrkraft so attraktiv wäre, dass Männer und Frauen gleichermaßen in der Schule arbeiten wollen würden. Für die Kinder und Jugendlichen wäre es mit Sicherheit angenehm, sowohl von Lehrerinnen als auch von Lehrern unterrichtet zu werden.

Jedoch konnte bislang empirisch nicht nach-gewiesen werden, dass Kinder insbesondere in der Schule gleichgeschlechtliche Vorbilder brauchen, um einen guten Bildungserfolg zu erzielen:
Es existiert kein Beleg dafür, dass Jungen in ihrem Leseverständnis oder in ihren Mathematikkompetenzen von mehr männlichen Lehrkräften profitieren. Männliche Lehrkräfte führen bei Jungen außerdem weder zu besseren Noten, noch zu höheren kognitiven Kompetenzen oder einer höheren Anzahl an Gymnasialempfehlungen.

Festhalten lässt sich: Es ist wenig zielführend, für einen erfolgreicheren Bildungsweg der Jungen mehr männliche Lehrer zu fordern, da die Forschung keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Geschlecht der Lehrkraft und dem Bildungserfolg bei Jungen sieht.

Was bedeutet in diesem Kontext Genderkompetenz?
Wir wissen mittlerweile, dass fast jedes Individuum Stereotype hinsichtlich des zentralen Merkmals Geschlecht verinnerlicht hat. Und diese Stereotype können verhaltenswirksam sein: Es bleibt für die Leistung von Schüler*innen nicht ohne Konsequenz, wenn Lehrkräfte Stereotype hinsichtlich der Geschlechter verinnerlicht haben und diese nicht kritisch reflektieren. Derzeit sind bei Jungen die Lesekompetenzen und weitere sprachliche Bereiche mit negativen Stereotypen belegt, bei Mädchen die naturwissenschaftlich-technischen Fächer. Das Phänomen des „Stereotype Threat“ zeigt, dass Mitglieder einer Gruppe, für die ein Stereotyp in einer leistungsbezogenen Situation aktiviert ist, bedeutend schlechtere Leistungen im Vergleich zu einer stereotypfreien Situation zeigen.

Unter Genderkompetenz versteht man die Fähigkeit einer Lehrkraft, die Entwicklung der Schüler*innen unabhängig vom Geschlecht bestmöglich und individuell zu fördern. In diesem Kontext ist es relevant, dass eigene geschlechtsspezifische Vorannahmen erkannt und abgelegt werden, sodass die Perspektive auf die Schüler*innen unverstellter und damit realistischer wird. Genderkompetenz bedeutet auch, zu verinnerlichen, dass das Geschlecht einer Person keine geeignete Kategorie ist, um Individuen bestimmte Kompetenzen von Vornherein zu- oder abzusprechen: weder im Hinblick auf die Prognose von Verhalten, noch für die von Leistung, Förderung oder Unterrichtsgestaltung. Genderkompetente Lehrkräfte initiieren idealerweise förderliche Lehr-Lern-Interaktionen, die dazu führen, dass Kinder und Jugendliche sich als Person, unabhängig von sozialen oder biologischen Eigenschaften, wahrgenommen, wertgeschätzt und unterstützt fühlen.

Relevant für die schulische Praxis ist auch: Sowohl Mädchen als auch Jungen werden durch gesellschaftliche Zuweisungen von einengenden Geschlechterstereotypen in ihrer Entwicklung behindert. Die Veränderung von Geschlechter-gerechtigkeit in einer Gesellschaft entsteht durch die Veränderung von geschlechterstereotypen Vorstellungen – und wo sollten größere Chancen für die Initiierung dieser Veränderung bestehen als in der Schule?!

Von Frauen dominierte Berufe und Berufsfelder leiden meist unter geringem Ansehen und schlechter Bezahlung. Trifft das auf den Schulbereich auch zu?
Die Statistiken zeigen, dass im Grundschulbereich die meisten Frauen tätig sind. Schauen wir zu den weiterführenden Schulen, so finden wir hier einen vergleichsweise höheren Anteil an Männern. Frauen, obwohl am Gymnasium nominell beispielsweise in der Überzahl, besetzen dort jedoch zu einem deutlich höheren Prozentsatz die Teilzeitstellen.

Wenn verantwortliche Stellen sich mehr männliche Lehrkräfte an den Schulen wünschen, ist die Aufwertung des Berufs das Mittel der Wahl. Der Lehrberuf ist heutzutage unglaublich komplex, Lehrer*innen sind stetig wachsenden Anforderungen in einer Vielzahl von Bereichen ausgesetzt. Gleichzeitig erhöht sich der Druck der Gesellschaft, der Eltern, der Politik: Das Bild der Lehrer*innen ist in Deutschland häufig negativ besetzt. Außerdem gilt hier: Zwar sind viele Lehrkräfte in der komfortablen Situation, eine Beamtenstelle zu bekleiden. Anerkennung von herausragenden Leistungen und ganz allgemein Gratifikationen existieren jedoch kaum, auch die Aufstiegsmöglichkeiten sind limitiert.

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Für Frauen bietet sich die Sicherheit des Lehrer*innenberufs aus traditioneller Sicht zwecks Vereinbarkeit mit der Familie an. Männer trauen sich häufig mehr Unsicherheit einerseits, aber damit verbunden auch mehr Aufstiegschancen andererseits zu.

Attraktive Beförderungsstellen im Schulbereich sind vorwiegend männlich besetzt. Was muss sich ändern, um dieses Schema zu überwinden?
Die Lösung ist eher auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene zu suchen. So wissen wir aus der Forschung, dass sich die Zeit der Familiengründung häufig kritisch auf die weitere Karriere von Frauen auswirkt, die sogenannte „Retraditionalisierungsfalle“ schnappt zu. Und das zu einer Zeit in der beruflichen Laufbahn von Arbeitnehmer*innen, in der häufig entscheidende Wege für attraktive Beförderungsstellen geebnet werden. Für eine Veränderung wird sowohl ein Umdenken in den Köpfen der Individuen als auch der Institutionen benötigt: Warum setzen deutlich mehr Frauen nach der Geburt der Kinder für eine lange Zeit aus als Männer? Weshalb ist die Teilzeitarbeitsrate von Männern und Frauen so ungleich?

In diesem Bereich gilt auch: Die Kombinationsmöglichkeiten bei der Kinderbetreuung sind in der Regel vielfältiger als die Lösung, dass Frauen lange Zeit beruflich aussetzen und dann in Teilzeit in den Beruf zurückkehren. Doch vielfach blockiert die sozial beeinflusste Orientierung an tradierten Vorgehensweisen von Mehrheiten das bloße Nachdenken über andere, möglicherweise für beide Partner viel befriedigendere Wege.

Des Weiteren gilt: Selbst in einem eher familienfreundlichen Arbeitsbereich wie der Schule zeigt sich bei der Vergabe von Beförderungsstellen, dass kleine Kinder – implizit oder explizit – nach wie vor als mindernd für die Leistungsfähigkeit von Frauen angesehen werden. Auch hier kann etwas verändert werden: Die Schaffung früher und flexibler Wiedereinstiegsmöglichkeiten, geteilte Führungsaufgaben und ein gesellschaftlich veränderter Blick auf die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie durch Männer und Frauen gleichermaßen könnten dafür sorgen, dass sich langfristig auch mehr Frauen auf attraktiven Beförderungsstellen befinden. Im Kern geht es letztendlich jedoch auch darum: Die Kindererziehung müsste deutlich als eine gesellschaftliche Leistung anerkannt werden, in welche sich Männer genauso wie Frauen einbringen. 

Die Fragen stellten Anke Böhm und Ilse Führer-Lehner. // In: nds 8-2015