Tel Aviv: Zu Gast im Friedenskindergarten

Traum vom Frieden

Sommer 2014: Der Nahostkonflikt eskaliert erneut. Nach wochenlangen Kämpfen tritt eine unbefristete Waffenruhe in Kraft, doch der Konflikt schwelt weiter. Im Friedenskindergarten in Tel Aviv, im Stadtteil Jaffa, scheint die Welt eine andere: Jüdische, muslimische und christliche Kinder schlummern nebeneinander beim Mittagsschlaf. So funktioniert lebensnahe Friedenserziehung.
Zu Gast im Friedenskindergarten in Tel Avi

Foto: M. Meier

Knapp drei Wochen nach Beginn der Waffenruhe hatte sich die DGB-Delegation auf den Weg nach Israel gemacht, um den israelischen Gewerkschaftverband Histadrut zu besuchen: elf junge Leute von IG Metall, ver.di, GEW und IG BAU in NRW, denen Fragen nach dem Erinnern und Gedenken, nach Arbeit und Sozialem, nach Politik und der Entwicklung im Nahostkonflikt unter den Nägeln brennen. Heute stehen sie im jüdisch-arabischen Friedenskindergarten in Tel Aviv-Jaffa und werden von Liora Lenger begrüßt. Sie leitet die Einrichtung, die unter der Trägerschaft der israelischen Frauengewerkschaft Na‘amat steht.

Koscher und halal – der Speiseplan50 Mädchen und Jungen werden hier betreut. Dabei bleibt die Anzahl jüdischer und  arabischer Kinder stets ausgeglichen. Der Kindergarten verfügt über eine Küche, in der das Essen täglich frisch zubereitet wird, sodass die besonderen Ernährungsbedürfnisse jedes einzelnen Kindes berücksichtigt werden können koschere und halale Gerichte stehen auf dem Speiseplan. Bislang ist es ein einmaliges Projekt innerhalb Tel Avivs, doch weitere solcher Kindergärten sind bereits geplant.

Den Boden bereiten für FriedenDie Na’amat setzt sich nicht nur für eine bessere Stellung der Frau in Familie, Beruf und Gesellschaft ein, sondern auch dafür, dass jüdische und arabische Kinder muslimischen und christlichen Glaubens gemeinsam aufwachsen können. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn das Verhältnis zwischen der jüdischen Mehrheits- und der arabischen Minderheitsgesellschaft in Israel ist ambivalent. Damit der Traum von einem dauerhaften Frieden in Erfüllung gehen kann, besteht noch eine Menge Handlungs- und Veränderungsbedarf. Auch die Na’amat ist überzeugt: Dauerhafter Frieden kann nur dort herrschen, wo Kindern schon in jungen Jahren ein friedliches Miteinander statt eines Gegeneinanders vermittelt wird. Die Angebote richten sich jedoch nicht nur an die Kleinsten: Der Friedenskindergarten ist zugleich Stätte für interkulturelle Begegnungen und bietet unter anderem auch Seminare für die Mütter seiner Schützlinge an. Zu Beginn solcher Veranstaltung seien die Mütter immer sehr zurückhaltend, berichtet Liora Lenger. „Doch im Laufe der Zeit beginnen sie, Speisen mitzubringen und vertrauen sich auch immer mehr Privates an. Auch Freundschaften sind hier schon entstanden.“

Gemeinsam leben, lernen und feiernDoch wie kann hier im Kleinen genau das gelingen, was im Großen seit Jahrzehnten unmöglich scheint? Zum pädagogischen Konzept des Friedenskindergartens gehört, dass nicht nur die Kinder einen unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergrund mitbringen, sondern auch die Erzieherinnen. Innerhalb des Kollegiums sind das Judentum, der Islam und das Christentum vertreten. Die religiösen Festlichkeiten der drei monotheistischen Religionen werden im Laufe eines Jahres gleichberechtigt nebeneinander gefeiert, sodass die Kinder schon früh Gemeinsamkeiten und Unterschiede erfahren können. Als die DGB- Delegation den Kindergarten besucht, sind die Räume geschmückt für das jüdische Neujahrsfest, doch auch die Dekoration für das anstehende islamische Opferfest haben Kinder und Erzieherinnen schon gemeinsam vorbereitet. Alle Bücher schafft der Kindergarten sowohl auf arabisch als auch auf hebräisch an  Mehrsprachigkeit wird hier als Bereicherung verstanden und gelebt. Und willkommen sind nicht nur diejenigen, die hebräisch oder arabisch sprechen, sondern auch alle anderen. Es herrscht friedliche Stille beim gemeinsamen Mittagsschlaf und für einen Moment scheint es so leicht, die Menschen zu vereinen. Doch bis die Arbeit der Erzieherinnen in Tel Aviv-Jaffa Früchte trägt, wird es noch eine Weile dauern.

Melanie Meier // In: nds 11/12-2014

Nachgefragt

Marlis Tepe, Vorsitzende der GEW

Inwiefern tragen Gewerkschaften auch eine friedenspolitische Verantwortung? Welche Rolle spielen sie in internationalen Konflikten?Marlis Tepe: Gewerkschaften sind in unserer Gesellschaft wichtige politische Akteure. Frieden und Sicherheit sind Grundbedürfnisse unserer Mitglieder, insofern positionieren wir uns friedenspolitisch und haben deshalb einen friedenspolitischen Antrag in den DGB-Bundeskongress eingebracht, der angenommen wurde. Die  GEW ist Mitglied der Bildungsinternationale (BI). Die BI stärkt Gewerkschaften in Konfliktregionen und macht ihre Forderungen gegenüber den UN deutlich. Wir fordern die weltweiten Ausgaben für Militäreinsätze und Rüstung drastisch zu reduzieren und das eingesparte Geld für Bildung und nachhaltige Entwicklung zu verwenden.

Ukraine, Gaza, Syrien – sind das aktuell Themen für die GEW?In der Ukraine haben wir Kontakt zu unseren Gewerkschaftskolleg*innen aufgenommen und sie für einen Austausch eingeladen. In Folge der Auseinandersetzungen waren in Kiew und Odessa Gewerkschaftshäuser ausgebrannt. Die BI und die GEW haben zum Wiederaufbau Unterstützung aus dem Heinrich-Rodenstein-Fonds geleistet. Israel und Palästina haben wir im Oktober besucht, um die bilateralen Kontakte mit der palästinensischen und der israelischen Lehrergewerkschaft auszubauen und für einen Dialog zwischen ihnen zu werben. Zum Dialog waren die KollegInnen der GUPT nicht bereit, aber wir werden am Austausch festhalten. Wir haben sie darin bestärkt, Lehrmaterialien, die rassistisch sind und ethnischen Hass entfachen, abzulehnen. Mit Syrien haben wir bislang keine Kontakte, aber wir haben unsere türkischen KollegInnen eingeladen. Sie werden über die bedrückende Situation der Flüchtlinge und besonders der Kinder berichten und uns ihre Unterstützungswünsche übermitteln.

Die Fragen stellte Anja Heifel.

Friedenskindergarten Tel Aviv