Wenn Sprache zur Barriere wird

Alphabetisierung ermöglicht Teilhabe

Als Isil Dalman vor 26 Jahren in den Wehen lag, hätte sie sich gewünscht mit den Krankenschwestern und den Ärzten kommunizieren zu können. Doch sie konnte nicht Deutsch sprechen. Sie schämte sich, denn niemand hätte sie verstanden. Also schrieb sie auf Zettel, wo sie Schmerzen hat, was sie braucht.
Wenn Sprache zur Barriere wird

IŞil Dalman brachte sich das Lesen und Schreiben zunächst selbst bei, beim richtigen Sprechen halfen ihr die Kurse der VHS. Foto:A.Etges

Isil Dalman konnte Deutsch verstehen und es auch schreiben, aber nicht sprechen. Das hatte ihr niemand beigebracht. Sie sprach die deutschen Wörter so aus, als seien es türkische. Unverständlich.

Analphabetismus hat viele Formen
Als sie mit 18 Jahren der Liebe wegen aus der Türkei nach Deutschland kam, bestand, so dachte die Familie damals, wenig Bedarf die Sprache zu lernen. Doch IŞil Dalman wollte Deutsch lernen. In der Türkei war sie Grundschullehrerin. Sich in Deutschland noch nicht einmal verständigen zu können, für sie undenkbar. „Ohne die deutsche Sprache zu beherrschen, kann man nicht in Deutschland leben“, sagt sie. Also besorgte sie sich ein Lernbuch und eine Grammatik. Stundenlang übersetzte sie vom Türkischen ins Deutsche und umgekehrt, büffelte Artikel und Präpositionen. Nach einigen Jahren konnte sie gutes Deutsch, allerdings nur lesen und schreiben. „Ich habe mich geschämt, hatte Angst, etwas falsch auszusprechen“, sagt sie. Mit diesem Problem gilt sie als „funktionale Analphabetin“. Das bedeutet, sie kann Deutsch sprechen, zumindest theoretisch. Wer unter einer Form von Analphabetismus leidet, muss nicht zwangsläufig nicht schreiben oder lesen können. Auch Menschen, deren Kenntnisse nicht den Grad erreichen, den man in dem Land, in dem sie leben erwartet, gelten als Analphabet*innen. Die wenigsten von ihnen können gar nicht lesen oder schreiben. Christel Matthes von der Volkshochschule (VHS) Bochum kennt die unterschiedlichsten Probleme: „Manche Menschen kommen zu uns, weil sie nur in Großbuchstaben schreiben können. Manche können nur Sätze lesen, die weniger als sieben Wörter haben.“ Als Fachbereichsleiterin Kunst und Kultur verantwortet sie auch die Alphabetisierungskurse, die bei der VHS Bochum angeboten werden.

Kaum ein Beruf ohne Schreibarbeit
Handwerksmeister, Computerfachleute, Fuhrunternehmer, in den Alphabetisierungskursen lernen auch Berufstätige. „Die Menschen kommen aus den unterschiedlichsten Gründen zu uns“, so Christel Matthes. Da sind Mütter mit ausländischen Wurzeln, die den Schulprozess ihrer Kinder begleiten möchten, oder Berufstätige, die im Job schreiben müssen und ihr Niveau verbessern möchten, damit sie sich komplexer und eleganter ausdrücken können. In vielen Berufen werden heute andere Kompetenzen erwartet als noch vor ein paar Jahren. „Ganz viele Berufe, wie Busfahrer*innen, Reinigungs- und Pflegekräfte, sind bis vor Kurzem ohne Schreiben ausgekommen. Doch die Anforderungen haben sich geändert“, weiß Christel Matthes. Das ist auch bei Dirk Raschke der Fall. Der 40-Jährige arbeitet bei der Deutschen Bahn als Fahrdienstleiter. Er ist auf einem 50 Kilometer langen Streckenabschnitt für alles verantwortlich, was darauf fährt. „Ich bin Fluglotse für Züge“, erklärt er. Er liebt seinen Job, doch es gibt ein Problem. „Der Chef hat sich schon oft beschwert, dass er meine Schrift nicht lesen kann“, sagt Raschke. Als Fahrdienstleiter muss er mittlerweile viel Dokumentationsarbeit leisten. Im Zugmeldebuch muss jede Zugfahrt aufgeführt werden. Akribisch und vor allem: leserlich. Raschke fällt genau das schwer. „Seit der Schulzeit habe ich Probleme mit dem Schreiben. Wenn ich mich beeile, kann niemand lesen, was ich geschrieben habe. Nicht einmal ich selbst. Und auch meine Rechtschreibung ist nicht die beste“, gibt er zu. In der Schule gab es dafür eine 5 in Deutsch – in der ehemaligen DDR, wo Raschke ursprünglich herkommt, die schlechteste Note. „Mich hat das weniger gestört. Ich kannte es ja nicht anders“, sagt er. Doch trotz miesen Schriftbilds kam er immer durch. „Die Lehrer haben mich durchgebracht und immer ein oder zwei Augen zugedrückt“, erinnert sich Raschke und weiß selbst nicht genau wieso. Jedenfalls ist er dankbar, denn der Abschluss eröffnete ihm die Möglichkeit, eine Ausbildung bei der Bahn zu machen. Als Weichenwärter musste er nichts schreiben, heute als Fahrdienstleiter ist das anders.

Alphabetisierungskurse – nicht nur für Zugewanderte
Auch bei Isil Dalman führte der Ehrgeiz dazu, in einem Alphabetisierungskurs der VHS Bochum die Aussprache zu lernen. Jahrelang hatte sie als Reinigungskraft gearbeitet. „Wegen der Sprachprobleme konnte ich nichts anderes machen“, sagt sie. „Die deutschen  Kolleg*innen haben mich immer verbessert, wenn ich wieder etwas falsch ausgesprochen hatte. Aber meine türkischen Kolleg*innen haben mich ausgelacht.“ Eine schwere Zeit. Erst nach Jahren besuchte sie den ersten Deutschkurs ihres Lebens. „Die anderen Frauen dort haben lieber Kaffee und Tee getrunken, doch ich wollte lernen“, erinnert sie sich. Im Radio hörte sie von den Alphabetisierungskursen an der VHS. Dort erfuhr sie, dass auch viele Deutsche Probleme mit ihrer Muttersprache haben. Die VHS versucht Analphabet*innen über niedrigschwellige Angebote zu erreichen. Werbung im Radio ist nur eine der vielen Ideen. „Wir drucken Flyer, in denen in ganz simpler Sprache unser Angebot beschrieben wird. Dabei halten wir uns an die Regeln der sogenannten leichten Sprache, zum Beispiel dass ein Satz nicht mehr als sieben Wörter haben soll“, erklärt Christel Matthes.
Neben ihrem Job ging Isil Dalman viermal in der Woche zu Deutsch- und Alphabetisierungskursen. Ihr Ehrgeiz war geweckt. „Ich will gutes Deutsch sprechen“, sagt sie. Probleme bereitet ihr zum Beispiel die Aussprache des „Z“. Im türkischen wird es weich ausgesprochen. Die scharfe deutsche Variante fällt ihr zwar immer noch schwer, aber sie hat sich deutlich verbessert. Vor allem traut sie sich mit anderen Menschen zu sprechen, ein riesiger Fortschritt.

Natürlich mit den eigenen Schreib- und Leseproblemen umgehen
Dazu hat auch Andrea Wirtz maßgeblich beigetragen. Die Lehrerin und Journalistin leitet ehrenamtlich das „Lern-Café“ der VHS Bochum. Das kostenlose Angebot dürfen alle nutzen, die ihre sprachlichen Fähigkeiten verbessern möchten. Es gibt keinen Lehrplan, das gibt Andrea Wirtz die Flexibilität auf ganz konkrete und spontane Fragen einzugehen.
„Viele Teilnehmer*innen haben schlechte Erfahrungen mit dem Schulsystem gemacht“, erzählt sie. Die lockere Stimmung im Lern-Café ist ganz anders: Gemeinsam lesen die Teilnehmer*innen einfache Texte, besprechen Probleme der Grammatik, reden einfach miteinander. „Das Tolle ist, dass wir gemeinsam entscheiden können, was wir machen. In der Gruppe herrscht ein großes Vertrauen untereinander und dadurch eine angenehme Lernatmosphäre“, sagt die Ehrenamtlerin. Ganz natürlich mit den eigenen Sprach-, Schreib- und Leseproblemen umgehen – das mag auch Dirk Raschke. Seit einigen Monaten kommt er regelmäßig zum Lern-Café. „Wenn ich zur Tür reinkomme, dann freue ich mich. Ich weiß jetzt, dass es Menschen gibt, die noch viel größere Probleme haben als ich“, sagt er. Nach der Scheidung von seiner Frau beschloss er, etwas für sich zu tun, an sich zu arbeiten und sein größtes Problem endlich anzugehen. Nach einigen Wochen schon machten sich erste Erfolge bemerkbar. „Ich gebe mir jetzt viel mehr Mühe beim Schreiben und bin dabei viel ruhiger“, sagt er und zeigt stolz seine Lernunterlagen – in leserlicher Schrift. Woher der funktionale Analphabetismus bei ihm kommt, weiß Dirk Raschke nicht. Das sei immer so gewesen. „Das ist irgendwie eine mechanische Störung. Der Kopf will, aber die Hand folgt nicht“, erklärt er. Aus seinem Problem hat Dirk Raschke nie ein Geheimnis gemacht: „Ich habe nie nach Ausreden gesucht, anders ging es halt nicht. Das mussten die anderen akzeptieren.“

Viel kreatives Potenzial
Nicht alle Analphabet*innen zeigen so offen ihre Schwäche. Viele versuchen ihr Manko zu verstecken, erfinden Ausreden, um nicht lesen oder schreiben zu müssen. „Menschen,  die nicht lesen und schreiben können, haben meist eine Vertrauensperson, die von dem Problem weiß und sie unterstützt“, weiß Christel Matthes. Es sei eine unglaubliche Leistung, zu vertuschen, nicht schreiben oder lesen zu können. „Eigentlich sind das Held*innen des Alltags. In ihnen steckt ein großes kreatives Potenzial“, meint die Pädagogin. Aber in ihnen kann auch viel Ehrgeiz stecken. So wie in IŞil Dalman. Als Putzfrau fühlte sie sich ständig unterfordert, sich auf anspruchsvollere Jobs zu bewerben, das traute sie sich jedoch nicht. Im Lern-Café paukte sie deshalb Vorstellungsgespräche. Noch nach der Stunde saß sie mit Andrea Wirtz zusammen und ging solche Situationen durch. Und dann kam der Ernstfall: ein Bewerbungsgespräch bei der Verwaltung der Stadt Bochum. „Das war schrecklich, ich hatte sehr viel Angst vor diesem Gespräch“, erinnert sie sich. Als sie aus dem Zimmer herauskam, weinte sie. Jedoch vor Freude, sie hatte den Job bekommen.  „Sie hat sich durchgebissen und nicht entmutigen lassen. Sie hat die Stadt, die jetzt ihr Arbeitgeber ist, von sich überzeugt“, freut sich Andrea Wirtz. Isil Dalman bereut nur, dass sie nicht schon früher angefangen hat sich professionelle Hilfe zu suchen: „Ich habe ganz unten angefangen und bin jetzt endlich oben angekommen. Aber ich möchte noch höher. Das ist nicht so leicht, aber wenn ich das will, kann ich es schaffen.“    

Nadine Hantke // In: nds 8-2014

Alphabetisierung ermöglicht Teilhabe: Wenn Sprache zur Barriere wird