Wissenschaftsministerium fördert Talentscouting-Projekt

Talente in den Schulen entdecken und fördern

Immer noch ist in Deutschland die schulische Karriere stark vom sozialen Hintergrund abhängig. Das belegen seit vielen Jahren die unterschiedlichsten Studien. Vor allem Jugendliche mit Zuwanderungsbiografie finden oft nur schwer Zugang zu einem Hochschulstudium. Das Talentscouting-Projekt „Meine Talentförderung“ der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen will das ändern und weitere Hochschulen ziehen nach.
Wissenschaftsministerium fördert Talentscouting-Projekt

Foto: Christian Schwier/fotolia.de

Während 77 Prozent der Kinder von Akademiker*innen studieren, liegt dieser Anteil bei Nichtakademiker*innen-Familien laut Sozialerhebung des Deutschen Studentwerks bei gerade mal 23 Prozent. Bekannt ist auch, dass dieses Ungleichgewicht nicht auf mangelhafte Leistungen oder fehlendes Interesse der potenziellen Studierenden aus Nichtakademiker*innen-Familien zurückzuführen ist. Stattdessen fehlt es oft an Informationen, an Vorbildern, an den finanziellen Möglichkeiten oder schlichtweg daran, dass sich junge Menschen ein Studium wegen mangelnder Unterstützung nicht zutrauen. Das Vorurteil, dass sich Migranteneltern für die Bildung ihrer Kinder nicht interessieren, konnte bereits wissenschaftlich widerlegt werden. Zudem ist bekanntlich die Erfolgslaufbahn oft abhängig von Faktoren wie der ethnischen Herkunft, dem Einkommen der Eltern oder dem Geschlecht. Nicht zuletzt tragen auch die strukturellen Gegebenheiten des hiesigen Bildungssystems ihren Teil dazu bei. Insbesondere bei Jugendlichen mit einer Zuwanderungsbiografie ist die Übergangsquote in die Hochschule besonders niedrig.

Talente finden und fördern
Um diesen Umständen entgegenzuwirken, um Talente zu erkennen, zu unterstützen und zu fördern, hat die Westfälische Hochschule in Gelsenkirchen als bundesweit erste Hochschule schon im Jahr 2011 ein Talentscouting-Projekt ins Leben gerufen. Das primäre Ziel von „Meine Talentförderung“: die Übergangsbarrieren von der Schule in die Hochschule für Jugendliche aus Nichtakademiker*innen-Familien zu verringern. Dabei wird früh angesetzt: Schüler*innen können bereits ab Beginn der Oberstufe gefördert und dann bis zu ihrem Abitur von einem sogenannten Talentscout begleitet werden. Und es geht hier nicht um die Noten, sondern um das vorhandene und nicht entdeckte Potenzial der Schüler*innen. Der erste Talentscout und auch das Gesicht des Talentscoutings ist der Sozialwissenschaftler Suat Yılmaz von der Westfälischen Hochschule. Er sieht seine Aufgabe nicht allein darin, Informationen zu vermitteln und Orientierung auf dem Weg zum Studium zu bieten: „Es geht auch darum, die jungen Menschen zu motivieren und ihnen Selbstvertrauen zu geben.“ Mittlerweile gibt es in NRW rund 30 Talentscouts, die in den Schulen im Ruhrgebiet unterwegs sind und Talente aufspüren, sie individuell begleiten und fördern. Die Scouts sind überwiegend Studierende mit Zuwanderungsbiografie. Dass Vorbilder wie sie einen enormen Einfluss auf die Laufbahn von Schüler*innen mit Zuwanderungsbiografie haben, ist zwar längst erkannt worden, muss aber noch in weiteren Projekten genutzt und ausgebaut werden. Die Talente werden an den Schulen entdeckt, melden sich mittlerweile selbst oder werden von ihren Lehrkräften oder gar von ihren Eltern vorgeschlagen. Bei einem ersten Beratungsgespräch mit einem der Talentscouts wird die erforderliche individuelle Förderung gemeinsam geplant. Dabei muss nicht immer ein Hochschulstudium das Ziel sein: Je nach Interessensgebiet kann es auch sein, dass sich die Schüler*innen zum Schluss der Förderung für eine Berufsausbildung entscheiden. Die Unterstützung reicht von Informationen zu den Möglichkeiten der aktuell rund 2.600 Studiengänge in NRW über Hilfe bei Stipendienanträgen und beim Erwerb von Schlüsselkompetenzen bis hin zur Vermittlung von Nachhilfe in Schulfächern, die einer Verbesserung bedürfen.

Lehrer*innen sind gefragtNeben den Talentscouts sind für Projekte dieser Art vor allem die Lehrkräfte an den Schulen gefragt. Sie sind sozusagen das Scharnier und diejenigen, die die Schüler*innen entdecken (müssen). Wenn mit ihnen und der Schule keine Kooperation aufgebaut werden kann, ist auch die Umsetzung der Talentförderung schwierig. Gleichzeitig muss das defizitorientierte Denken in Schule abgebaut werden. Primär müssen nämlich Lehrkräfte vorhandene Potenziale und Talente von Schüler*innen erkennen, um sie zu unterstützen und sie schließlich für die Talentförderung vorzuschlagen. Dazu muss manchmal auf mehr als nur auf die Noten geschaut werden: Wichtig sind die allgemeinen Lebensumstände der Schüler*innen. Ein Schüler zum Beispiel, der zuhause auf die Geschwister aufpassen muss, weil die Mutter alleinerziehend ist, der nach der Schule noch im Supermarkt Regale einräumt, um die Familie finanziell zu unterstützen, und der erst abends zu den Hausaufgaben kommt, hat natürlich eine ganz andere Voraussetzung, als die meisten seiner MitschülerInnen. Hat dieser Schüler trotz der Widrigkeiten einen relativ guten Zeugnisdurchschnitt, muss das selbstverständlich anders gewertet werden nämlich als Potenzial, als Talent. Was wäre, wenn dieser Schüler eine Unterstützung, individuelle Förderung oder ein Stipendium bekäme? Genau an dieser Stelle setzt „Meine Talentförderung“ an. Abgesehen davon wissen immer noch viele Schulen zu wenig über die finanziellen Fördermöglichkeiten für SchülerInnen und Studierende. In Deutschland gibt es insgesamt zwölf staatliche Begabtenförderungswerke im Hochschulbereich, die aus Haushaltsmitteln insgesamt rund 200 Millionen Euro (2013) erhalten. Ebenso gibt es etliche Stiftungen, die im Schulbereich fördern. Natürlich kommen SchülerInnen nicht unbedingt allein auf die Idee, ein Stipendium zu beantragen. Umso wichtiger ist es, dass regelmäßige Informationen gestreut oder gar SchülerInnen persönlich darauf angesprochen werden. Dabei ist nicht nur die Ansprache wichtig, sondern genauso die Begleitung der SchülerInnen. So kann ihnen auch die Angst genommen werden, dass sie zum Beispiel ein Studium aus finanziellen Gründen nicht schaffen würden.

Förderung durch das MinisteriumDas  Projekt „Meine Talentförderung“ findet so großen Anklang, dass das Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen im Mai 2015 eine Kooperationsvereinbarung mit der Westfälischen Hochschule unterzeichnet hat und bis zum Jahr 2020 für den Ausbau des Talentscoutings 6,4 Millionen Euro zur Verfügung stellt. Auch die Hochschule Bochum, die Ruhr-Universität Bochum, die Fachhochschule Dortmund, die Technische Universität Dortmund, die Universität Duisburg-Essen und die Hochschule Ruhr-West werden künftig an dem Projekt teilnehmen und das Modell an ihren Hochschulen individuell und standortbezogen umsetzen. Für die Koordinierung und Unterstützung der Arbeit wird im September 2015 das „NRW-Zentrum für Talentförderung“ an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen eröffnet. Zudem baut die Westfälische Hochschule mit der Universität Duisburg-Essen und der Fachhochschule Dortmund gemeinsam das TalentKolleg Ruhr auf. An den Standorten Herne, Dortmund und Essen unterstützt das Kolleg die Schüler*innen unter anderem dabei, ihre Noten in den schwächeren Schulfächern zu verbessern. Für den Aufbau des TalentKollegs Ruhr hat die Stiftung Mercator für fünf Jahre fünf Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das Talentscouting beinhaltet sehr gute Ansätze, die auch an den Schulen individuell und standortbezogen durchgeführt werden können so können auch Schulen außerhalb der Projektregion Ruhrgebiet von der Idee des Talentscoutings profitieren. Dabei geht es nicht darum, alle Schüler*innen an die Universität zu schicken. Es geht darum, Potenziale und Talente zu entdecken und diese zu fördern. Dafür müssen Strukturen und Räume in den Schulen geschaffen werden und das Bewusstsein dafür, dass Talentscouting nicht „nebenbei“ geschehen darf.

Senol Keser // In: nds 8-2015

Nachgefragt

Suat Yılmaz ist Talentscout der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen. Schon seit 2011 spürt er unerkannte Talente in Schulen auf.

Herr Yılmaz, was ist der Kern des Talentscoutings?Suat Yılmaz: Das Talentscouting ist ein individueller Ansatz, der sich an SchülerInnen ab der Oberstufe richtet und eine kontinuierliche Begleitung bis zum (Fach-)Abitur und wenn gewünscht auch durch das Studium beinhaltet. Neben Information und Orientierung geht es bei meiner Arbeit auch darum, zu motivieren und Selbstvertrauen zu geben.

Was ist denn ein Talent?Es sind Persönlichkeiten mit Leistungsbereitschaft, Teamfähigkeit und hoher sozialer Kompetenz. Hier geht es aber nicht nur um gute Noten, sondern um einen viel tieferen Blick, den Blick auf den Menschen, und darum, Leistung im Lebenskontext zu sehen.

Warum brauchen wir überhaupt in einem Land wie Deutschland solch eine Förderung?Weil in unserem Land leider noch zu oft Herkunft über Zukunft entscheidet! Wir haben eine nicht hinnehmbare Verzerrung von Chancen auf Bildung. Aber das erste und wichtigste Argument ist doch, dass solch eine Situation nicht gerecht ist.

Wie können Schulen unterstützend mitwirken?Lehrer*innen müssen als EntdeckerInnen unerschlossener Talente gewonnen werden, sie haben eine Schlüsselfunktion bei der Gestaltung der Zukunft junger Menschen. In unserer Zusammenarbeit zeigt sich daher auch schon heute deutlich, dass in den Partnerschulen ein zum Teil völlig neues Verständnis der eigenen Schülerschaft aufgekommen ist. Viele Lehrer*innen konnten vor Ort als Multiplikator*innen gewonnen werden.

Warum gibt es das Talentscouting nur im Ruhrgebiet?Das NRW-Zentrum für Talentförderung im Ruhrgebiet zu gründen, war eine richtige und wichtige Entscheidung des Wissenschaftsministeriums. Hier schlummern die größten bisher übersehenen Talent-reserven aus NichtakademikerInnen-Familien. Gleichzeitig haben wir die dichteste Hochschullandschaft Deutschlands. Das Ruhrgebiet bietet also die besten Voraussetzungen, um Bildungs-investitionen zu tätigen. Ich bin mir aber sicher, dass dieser Ansatz auch auf andere Regionen übertragen wird.