Zweiter Sekundarschultag der GEW NRW

Zwischenbilanz nach zwei Jahren Schulkonsens

Die Arbeit an und die Entwicklung von Sekundarschulen standen im Fokus des zweiten Sekundarschultages der GEW NRW. 150 Lehrkräfte waren am 20. Februar 2014 nach Bochum gekommen, um sich über das längere gemeinsame Lernen auszutauschen. Workshops und Vorträge informierten die Teilnehmer*innen über Schulplanung, Personalentwicklung, kollegiale Hospitation, Lernen in heterogenen Gruppen, Inklusion und Ganztag.
Zweiter Sekundarschultag der GEW NRW in Bochum

Ulrich Vornholt, Christina Brosius und Dirk Trombern (v.l.n.r.), Fachgruppe Sekundarschule GEW NRW: „Bei unseren Treffen gibt es regen Erfahrungsaustausch. Wer an der Sekundarschule interessiert ist, sollte sich mit uns in Verbindung setzen.“ Foto:GEW NRW

„Die GEW begrüßt die vielen Neugründungen von Sekundarschulen und Gesamtschulen. Damit wird das Angebot an Schulen des längeren gemeinsamen Lernens deutlich ausgeweitet. Wir unterstützen diese Entwicklung, weil damit das frühe Aussortieren der Kinder in verschiedene Schulformen verhindert wird“, betont Landesvorsitzende Dorothea Schäfer. Nach zwei Jahren Schulkonsens sind viele Sekundarschulen auf einem guten Weg.

Schulsystem in seinen Wurzeln hinterfragen

Unterschiede sind deutlich im Vergleich von Sekundarschulen in ländlichen und städtischen Regionen festzustellen. Vor allem in der Stadt gibt es Sekundarschulen mit teilweise zu geringen Anmeldezahlen, weil sie dort in Konkurrenz zu den anderen Schulformen stehen. Die GEW selbst baut zurzeit eine Landesfachgruppe Sekundarschule auf, um die Beschäftigteninteressen dieser Schulen zu stärken. Die unterschiedliche Entwicklung der Sekundarschulen wird Inhalt einer Zwischenbilanz sein, die Rainer Michaelis, Ministerium für Schule und Weiterbildung (MSW), ankündigte. Er vertrat Schulministerin Sylvia Löhrmann und erläuterte die Entwicklung der Sekundarschule. „Die strukturelle Neuaufstellung im Rahmen des Schulkonsenses und der Inklusion hinterfragt das Schulsystem in seinen Wurzeln“, stellte der Ministerialrat fest. Dazu sei die Strategie der Ermöglichung das richtige Mittel, da so die Gegebenheiten vor Ort angemessen berücksichtigt werden könnten.

Chancengleichheit ist übergeordnetes Ziel

Das Schulsystem bereitet sich auf die Zukunft vor. Auf inhaltlicher Ebene erläuterte Rainer Michaelis drei zentrale Aspekte für die aktuellen Veränderungen:

  1. Umgang mit Heterogenität: Die Annahme von homogenen Lerngruppen sei heute nicht mehr haltbar. Das beinhalte unter anderem eine Veränderung des Selbstbildes von Lehrkräften. Im Zentrum der pädagogischen Arbeit müssten demnach die individuelle Förderung stehen sowie Wertschätzung und Vertrauen in die Fähigkeiten des Einzelnen.
  2. Heterogenität und Inklusion: Die zwei grundsätzlichen Voraussetzungen von Inklusion seien zum einen der Anspruch auf inklusiven Unterricht. Zum anderen müsse Inklusion entlang der Bildungsbiografie entwickelt werden. Zugleich müssten sich alle Schulformen an der Umsetzung der Inklusion beteiligen.
  3. Chancengleichheit als übergeordnetes Ziel: Chancengleichheit solle als übergeordnetes Ziel berücksichtigt werden und beispielsweise bildungsferne Milieus mithilfe der Veränderungsprozesse erreicht werden können.

Gute Ansätze hier waren sich die Teilnehmer*innen einig. Doch wer soll die Ressourcen bereitstellen, wer die notwendige Finanzierung aufbringen? Denn auch auf die begrenzten Mittel für all diese Vorhaben wies Rainer Michaelis hin. Zumindest beim Umgang des Ministeriums mit Demografiegewinnen stellte Rainer Michaelis in Aussicht, dass diese auch in den kommenden Jahren gemäß einer Vereinbarung mit dem Finanzminister Dr. Norbert Walter-Borjans für den Auf- und Ausbau des längeren gemeinsamen Lernens zur Verfügung stehen. Diese Vereinbarung solle auch weiterhin gelten.

Schule mit Qualität und Perspektive

Wo werden die Kinder unterrichtet, die die angestrebten Bildungsgänge am Gymnasium oder der Realschule nicht erfolgreich fortsetzen können? Diese Frage stellt ein zentrales Problem dar. Rainer Michaelis bestätigte, dass sie nicht ausschließlich auf Kosten der Schulen des gemeinsamen Lernens beantwortet werden könne. Hier bestehe Regelungsbedarf seitens des Ministeriums. Die GEW kritisiert das Problem massiv und fordert, dass es zeitnah durch eine Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsordnungen geregelt wird. Die Bildungsgewerkschaft unterstützt eine Kultur des Behaltens, wie sie auch in der Bildungskonferenz vereinbart wurde. „Eine Schulgründung braucht Qualität und Perspektiven“, hob Maike Finnern in der Podiumsdiskussion hervor. „Für den Aufbau von Sekundarschulen müssen deshalb vor allem zeitliche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden auch schon im Vorlauf“, so die stellvertretende Vorsitzende der GEW NRW.  „Die Vernetzung der bereits gegründeten mit den gerade startenden Schulen ist ein wichtiger Aspekt für die erfolgreiche Entwicklung von Sekundarschulen“, betonte  Christian Ladleif, zuständig für Gesamt-, Gemeinschafts- und Sekundarschulen bei der Bezirksregierung Münster. In Münster wurde dazu ein Jour Fixe eingerichtet, an dem auch die Personalräte beteiligt sind, um die verschiedenen Akteure zusammenzubringen. Ein solcher Jour Fixe wäre aus Sicht der GEW auch in den übrigen Bezirksregierungen sinnvoll.

Von Beginn an inklusiv

Einige Themen aus der Podiumsdiskussion wurden auch in den Workshops diskutiert. Sabine Stendel, Deutschlehrerin und Sonderpädagogin, und Martin Riechert, Abteilungsleiter Sport, Biologie und Naturwissenschaften, stellten in ihrem Workshop „Wir beginnen inklusiv“ das Konzept der Europaschule Rheinberg vor. Sie berichteten insbesondere über ihre Erfahrungen mit inklusivem Unterricht. Die Schule arbeitet seit ihrer Gründung inklusiv und mittlerweile besuchen 29 Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf die Schule. Unterstützt wird sie extern durch Kontakte zu einem nahegelegenen Kompetenzzentrum sonderpädagogischer Förderung, durch Fortbildungen durch das örtliche Kompetenzteam und intern durch Sonderpädagog*innen, Sozialpädagog*innen sowie durch Integrations- und Inklusionshelfer*innen. Das Kollegium ist ein multiprofessionelles Team. In der Diskussion beim Sekundarschultag wurde deutlich, dass das Kollegium zwar einerseits die Teamarbeit als entlastend empfindet, andererseits aber die Arbeit außerhalb der Unterrichtszeit stark zugenommen habe: Es finden zeitintensive Konferenzen, Teamsitzungen und Beratungen statt und die Unterrichtsvorbereitung ist aufwendig. Der Zustand darf aus Sicht der Gewerkschaft nicht dauerhaft so bleiben  weder für diese Schule noch für andere!

Vorbereitung, Entwicklung und Beobachtung

Personalentwicklung in der Sekundarschule stand im Workshop von Maike Finnern und Ulrich Vornholt, Schulleiter der Städtischen Sekundarschule Ahlen, im Vordergrund. Dabei wurden Versetzungen auf A13-Stellen an der Sekundarschule sowie die Wege zu Leitungsstellen und stellvertretenden Leitungsstellen erläutert. Wichtige Aspekte wie die einjährige Wartezeit nach einer Beförderung und die Notwendigkeit, alle Stufen einer Laufbahn zu durchlaufen, um entsprechend entlohnt zu werden, erklärte Maike Finnern den Teilnehmer*innen detailliert: „Wenn eine Lehrkraft an eine Sekundarschule wechseln möchte, muss sie unter anderem zwischen Bewerbung und Versetzung unterscheiden. Eine Versetzung erfolgt bei gleicher Laufbahn ohne Ausschreibung der Stelle“. Christine Preuß von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Eva Heidemann von der Universität Duisburg-Essen stellten in ihrem Workshop die Methode der kollegialen Hospitation vor. An der Gesamtschule Rosenhöhe in Bielefeld werden zum Beispiel in Jahrgangsteams die Unterrichtsstunden vorbereitet und Beobachtungsmerkmale entwickelt, die während der Hospitation zu beachten sind. Zudem stellten die Referentinnen Materialien vor, die förderliche Bedingungen kollegialer Hospitationen abfragen. Der zweite Sekundarschultag der GEW NRW hat den Teilnehmer*innen neue Impulse und wichtige Informationen mit auf den Weg gegeben. 14 Workshops und erfahrene Referent*innen boten eine Plattform, um den Beschäftigten der zukunftsfesten Schulform für ihre Arbeit weiteren Anschub zu geben.    

Adrián Carrasco Heiermann // In: nds 3-2014